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Nahverkehrsplan Ludwigsburg: Konsequenter Klimaschutz

Das Jahr 2020 ist das Jahr der Corona-Krise, aber auch der Klima-Krise. Dies setzt auch die Eckdaten für den Busverkehr. Während des Shut-Downs ging die Zahl der Fahrgäste dramatisch zurück und erholt sich seitdem nur schrittweise. Menschen sind weniger unterwegs und meiden Busse, wenn sie voll sind. Gleichzeitig ist klar: Die Klimakrise zwingt zum Handeln. Der Landkreis Ludwigsburg hat dabei eine zentrale Stellschraube in der Hand. Er ist für den Busverkehr zuständig – und damit für das öffentliche Verkehrsmittel, dessen Angebot am schnellsten verbessert werden kann und das im Verkehrsmix des ländlichen Raums die zentrale Säule darstellt. Im Entwurf des Nahverkehrsplans ist von diesen Herausforderungen nichts zu spüren. Er hätte vor zehn Jahren genauso geschrieben worden sein können.

Verdopplung ÖV notwendig

Die Klimaziele von Paris wurden auch von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. Sie gelten auch in Baden-Württemberg und auch für den Verkehr. Will das Land seine Klimaziele im Verkehr erreichen, muss vieles gleichzeitig passieren. Es muss gleichzeitig die Autolawine auf unseren Straßen gebändigt werden und die verbleibenden Autos müssen Schritt für Schritt klimaneutral angetrieben werden. Der Rad- und Fußverkehr muss wachsen – und der Bus- und Bahnverkehr auch. Sollen im Landkreis Ludwigsburg nicht 10% mehr Autos fahren wie prognostiziert, sondern 10% weniger, muss der öffentliche Verkehr 250.000 Fahrgäste täglich aufnehmen – und zwar zusätzlich zu den heute 216.000. Diese Verdopplung ist für Bund, Land und Kommunen der Maßstab – nur der Nahverkehrsplan-Entwurf bemerkt dies nicht. Statt Ziele zu formulieren, setzt sich dieser für eine Worthülse ein, nämlich „eine marktgerechte Weiterentwicklung des ÖPNV-Angebots“.[1]

Eine Verdopplung der Fahrgäste gelingt nur, mit deutlich mehr Sitzplätzen in deutlich mehr Fahrzeugen. Dies bringt einen großen Vorteil mit sich: Die Busse fahren häufiger und an mehr Orten, das Busangebot wird komfortabler, relevante Bahntrassen reaktiviert, beschlossene Stadtbahnstrecken umgesetzt.

Um den Unterschieden im Landkreis gerecht zu werden, sind Maßnahmen für Stadt und Land notwendig. Unser Vorschlag in sechs Schritten:

  1. Busverkehr für alle und mit guter Arbeit

Ein guter Busverkehr ist ein soziales Projekt. Das gilt gerade für die, die wegen einer Behinderung in ihrer Fortbewegung eingeschränkt sind. Daher ist der Ausbau der Barrierefreiheit ein Muss.[2] Der Nahverkehrsplan setzt hier ausführlich Akzente. Zudem darf der Busverkehr nicht zu Lasten seiner Beschäftigten gehen. Sollen deutlich mehr Verkehre fahren, müssen Fahrerinnen und Fahrer gewonnen werden. Ja, sie müssen oft zunächst noch ausgebildet werden. Wir wollen eine Hebung der Sozialstandards, also eine Initiative für gute Arbeit bei guter Bezahlung und für die Ausbildung mit Hilfe von Arbeitsamt und Jobcenter. Hier können viele eine Chance bekommen: Deutsche, Geflüchtete, Umgelernte, junge Menschen beim Berufsstart, Menschen nach einer Berufspause z.B. wegen Elternzeit oder Pflege, etc..

  1. Expressbusse für erstklassige Busverbindungen

Keine Frage: Nicht überall im Landkreis Ludwigsburg sind die Busverkehrsverbindungen schlecht. Im Vergleich der deutschen Landkreise kann sich das Angebot sogar sehen lassen. Um die Konkurrenz zum Autoverkehr aufzunehmen, müssen Busse jedoch schneller am Ziel sein. Dies gelingt durch Expressbusse. Internationale Erfahrungen zum Beispiel aus dem Umland von Barcelona zeigen den Erfolg von Expressbussen – also direkten Busverbindungen zwischen Zentren, die einen Teil ihrer Strecke auf Schnellstraßen zurücklegen und dank Busbeschleunigungsmaßnahmen an Staus vorbei fahren können. Sie sind besonders dann erfolgreich, wenn sie ohnehin schon erfolgreiche Buslinien verstärken. Sie nehmen von ihnen einen Teil der Fahrgäste auf, entlasten die bisherigen Linien und ziehen neue Fahrgäste wegen kurzer Fahrzeiten an. Expressbusse gibt es im Landkreis bisher nur zwei, neue Expressbusse sieht der Nahverkehrsplan auf seinen rund 100 Linien nicht vor. Wir fordern: Auf den 20 stärksten Linien im Landkreis sollen zusätzliche Expressbusse fahren. Damit sie schnell ans Ziel kommen, soll Busbeschleunigung auch dann umgesetzt werden, wenn der Pkw-Verkehr dafür zurückstehen muss. Wertvolle Sekunden und mehr Platz für Fahrgäste lassen sich zudem durch Bus-Kaps an Haltestellen gewinnen – also durch den Rückbau von Haltebuchten, so dass Busse auf der Fahrbahn halten und beim Anfahren vor sich freie Bahn haben.[3]

  1. Viertel statt halb: Gute Busverbindungen häufiger

Auf den meisten Linien im Landkreis fährt alle halbe Stunde ein Bus – immerhin. Dies gilt aber nur montags bis freitags, am Wochenende herrscht Flaute. Samstags fahren nur halb so viel Busse, Sonntags nur ein Drittel. So gewinnt man den steigenden Freizeitverkehr nicht.[4] Um von Menschen, die über ein Auto verfügen, als konkurrenzfähig wahrgenommen zu werden, müssen Busse mindestens alle Viertelstunde abfahren. Bisher erfüllen dies nur 32 Strecken im Landkreis, also ein Drittel der Linien. Laut Entwurf kommen ganze fünf Linien hinzu.[5] Wir schlagen vor, den Viertelstundentakt werktags und den Halbstundentakt sonntags zum Standard zu machen. Dies sollte auf 80 Linien gelten.

  1. Busverbindung mangelhaft: Direktverbindungen und flexible Angebote

Guter Busverkehr auf den wichtigsten Linien hilft jenen nicht, die in eine andere Richtung wollen. So ist der Busverkehr auf die Bahnlinien fokussiert, also im Westen des Landkreises auf Vaihingen/Enz. Wer nach Freudental  oder Heilbronn möchte, lernt umsteigen. Der Entwurf des Nahverkehrsplans listet allein bereits 30 sogenannte Erschließungsdefizite auf – hier fehlen Haltestellen und Bedienung. Hinzu kommen 20 Fälle mit einer Beförderungsgeschwindigkeit unter 15 km/h.[6] Die Antwort des Entwurfs ist hilflos: Er schlägt ersatzweise Bürgerbusse oder Carsharing-Angebote vor.

Richtig ist, dass es wenig sinnvoll ist, überall und zu jeder Zeit zusätzliche 12-Meter-Busse zwischen den Dörfern oder durch Wohngebiete fahren zu lassen. Doch Busverkehr ist längst flexibler, er kennt Rufbusse und Anruftaxis, gerne in Kooperation mit lokalen Taxiunternehmen. Und seit einigen Jahren kommen On-Demand- und Ride-Pooling-Angebote hinzu, wie sie z.B. als SSB Flex getestet werden. Ihnen ist gemeinsam, dass das Fahrzeug nur fährt, wenn Fahrgäste danach rufen – und dann auf dem Weg nur noch halten, falls weitere Fahrgäste aufgenommen werden. Dieses Angebot lässt sich mit herkömmlichen Angeboten kombinieren, indem z.B. die großen Busse am Wochenende durch flexible Angebote ersetzt werden. Im Nahverkehrsplan sollte die Entwicklung eines flexiblen Systems zuerst für das Strohgäu vorgesehen werden, da dort ohnehin ab 2025 neue Verträge oder Konzessionen anstehen. Und es sollte auf alle ländlichen Gemeinden und die peripheren Stadtteile ausgedehnt werden.

  1. Mit Flüstermotor unterwegs - auf klimaneutrale Fahrzeuge umstellen

Klimaschutz beginnt mit einem guten Busangebot, aber er hört dort nicht auf. Werden Pkw immer klimafreundlicher, verliert der Busverkehr seinen Umweltvorteil. Zudem: Dröhnende Diesel finden weder Anwohner noch Fahrgäste charmant. Elektro- und Brennstoffzellenbusse bieten dagegen ein ruhiges Fahrerlebnis und können auch die frühesten Pendler im Wohngebiet abholen, ohne die Nachbarschaft zu wecken. Der Nahverkehrsplan sieht hier vor, die Gesetze und ggf. Luftreinhaltepläne einzuhalten – mehr nicht. Das ist nicht nur für einen Automobilstandort in Transformation zu wenig, auch fehlt nach den mutigen Entscheidungen der Ludwigsburger Verkehrslinien für Hybridbusse der nächste Schritt. Der Landkreis sollte dagegen für alle neuen Vergaben und Linienverstärkungen (siehe oben) zunächst zur Hälfte und ab 2025 komplett klimaneutrale Busse vorsehen.

  1. Schülerverkehr besser organisieren und ausbauen

Schülerinnen und Schüler sind oft auf den Bus- und Bahnverkehr angewiesen. Nicht nur als Stammkundschaft, sondern als ÖV-Kunden von morgen sind sie zentral für Busse und Bahnen. Daher muss der Weg weiter gegangen werden, zusätzliche Busse und langfristig auch Bahnen auf den zentralen Verbindungen einzusetzen. Dazu sind mehr Direktverbindungen notwendig, gerade beim Schulverkehr ist die Ausrichtung des Busverkehrs als Zubringer der Schiene nicht zeitgemäß. Doch auch Schulen und Schulbehörden müssen ihren Beitrag leisten. Durch gestaffelten aber verlässlichen Unterrichtsbeginn zu unterschiedlichen Uhrzeiten kann der Nahverkehr besser ausgelastet werden. Zudem wird ein solches Angebot denen gerecht, die erst später in den Tag starten wollen oder können.

 

Erst planen, dann Finanzdebatte führen

Der Ausbau des Bus- und Bahnverkehrs im Landkreis, wie skizziert, wird ein Kraftakt – das steht außer Frage. Seine Finanzierung kostet nicht nur Geschick, sondern auch Geld. Der Reflex, alle Vorschläge als unbezahlbar abzulehnen ist vorhersehbar. Doch ist auch die Klimakrise unbezahlbar. Daher plädieren wir dafür, eine sinnvolle Reihenfolge einzuhalten: Zuerst muss ein Plan ausgearbeitet und finanziell optimiert werden. Dabei können nicht nur flexible Angebote Kosten sparen, sondern auch neue Instrumente, z.B. Schulklassen, die erst um 09.00 oder 10.00 beginnen. Steht danach eine konkrete Summe zur Debatte, sollte politisch darüber entschieden werden, wieviel es dem Landkreis wert ist, den Busverkehr auf eine höhere Stufe zu heben und den Bahnverkehr aufzuwerten. Wir schlagen vor, dass der Landkreis eine Klimaschutzvariante des Nahverkehrsplans erarbeiten lässt.[7]

Auf dem Weg dahin sind alle Bürgerinnen und Bürger gefragt: Setzen Sie sich für den Klimaschutz und gute Bus und Bahnangebote ein. Bringen Sie ihre Kenntnisse vor Ort ein, indem Sie konkrete Vorschläge machen.

 


[1] Vgl. S. 45. Und es kommt sogar noch schlimmer. Der Entwurf basiert auf der Prognose, dass der öffentliche Verkehr von 216.000 Fahrten 2010 auf 301.000 Fahrten pro Tag um 40% anwachsen wird. Doch dieser Zuwachs findet fast ausschließlich durch die vom Land bestellten zusätzlichen Regionalverkehrszüge statt. Im Binnenverkehr des Landkreises dagegen: Stagnation. Kuriosum am Rande: Diesen Zuwachs rechnet der Landkreis dem Projekt Stuttgart 21 zu.

[2] Zum 01. Januar 2013 wurde bereits das PBefG novelliert. Diese Vorschrift des § 8 Abs. 3 S. 3 PBefG verlangt, dass ein Nahverkehrsplan des ÖPNV Aufgabenträgers die Belange von Menschen mit Einschränkungen zu berücksichtigen. Bis zum 01. Januar 2022 muss deshalb eine vollständige Barrierefreiheit hergestellt sein.

[3] Der Landkreis hat sowohl die Förderung für Expressbusse als auch für Busbeschleunigungsmaßnahmen des Landes bisher kaum oder gar nicht in Anspruch genommen. Dabei fördert das Land diese mit 75% als besonders klimafreundliche Maßnahme.

[4] Zum Vergleich: Im regionalen Bahnverkehr, den das Land bestellt, beträgt der Rückgang Samstags nur ein Viertel und Sonntags ein Drittel – also etwa die Hälfte.

[5] Solche Busse fungieren unter dem Namen „Verlässliche S-Bahn-Zubringer“. Vgl. S. 102ff

[6] Vgl. S. 90 ff

[7] Wenn es zeitlich nicht anders geht, kann dies auch als Nahverkehrsentwicklungsplan geschehen.

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